Blog - KI für Unternehmen

Der Weg von "AI for me" zu "AI for us"

KI-Anwendungen begannen als Lösung für individuelle Nutzer:innen. Doch nuwacom Mitgründer Sascha Böhr glaubt, dass wir nun am Anfang eines Generationswechsel stehen: Enterprise-KI wird kollaborativ und ist tief in den Unternehmenskontext eingebunden.

AI for me war nur der Anfang

Die meisten KI-Tools sind heute im Kern noch Einzelplatzlösungen. Mein Account. Mein Chat. Meine Prompts. Meine Dateien. Meine Ergebnisse. Das funktioniert hervorragend für persönliche Produktivität. Aber ein Unternehmen ist kein einzelner Nutzer.

Und genau deshalb glaube ich, dass wir gerade am Anfang einer neuen Generation von Unternehmenssoftware stehen.

Ich habe diesen Wandel schon einmal erlebt

Bevor wir nuwacom gegründet haben, habe ich mit dirico eine Collaboration-Plattform für große Unternehmen aufgebaut. Dabei habe ich etwas Entscheidendes gelernt:

Die eigentliche Funktion einer Software ist oft der einfachste Schritt.

Schwieriger wird es, wenn 1.000 oder 10.000 Menschen mit einer Lösung arbeiten sollen. Denn dann geht es um Rollen und Rechte, um Teams, Freigaben, Versionen, Integrationen, Sicherheit und um Governance. Und vor allem um Zusammenarbeit. Genau diesen Übergang sehe ich gerade wieder bei KI.

Ein Chat-Archiv ist noch kein Arbeitsplatz

Natürlich haben die großen KI-Anbieter ihre Produkte massiv erweitert. Es gibt Enterprise-Tarife, SSO, Benutzerverwaltung und immer mehr Governance-Funktionen. Aber ein Unternehmen braucht nicht einfach 10.000 persönliche KI-Accounts. Es braucht eine gemeinsame KI-Infrastruktur.

Das merkt man schon an einer einfachen Sache: Wir produzieren heute jeden Tag wertvolle Arbeit mit künstlicher Intelligenz. Analysen, Konzepte, Recherchen, Präsentationen, Dokumente oder Apps. Doch wo landet das alles? Meistens in einer Liste vergangener Chats. Vielleicht noch in Projekten oder Ordnern.

Für den Einzelnen mag das reichen. Für eine Organisation nicht. Für Unternehmen müssen aus Chats Arbeitsräume werden. Menschen müssen gemeinsam an Projekten arbeiten können. Um ihren Arbeitsalltag zu meistern, müssen sie Inhalte teilen, Aufgaben organisieren. Ergebnisse weiterentwickeln und Verantwortlichkeiten festlegen.

Dafür braucht es kein zweites Jira. Oft reicht eine einfache Projektorganisation. Eher Trello als SAP. Aber die Projekte müssen direkt mit KI verbunden sein.

Im Zentrum steht das Gedächtnis

Gleichzeitig darf KI nicht bei jeder Unterhaltung wieder bei null anfangen. Sie sollte meinen Kontext kennen. Meine Arbeit. Meine Projekte. Meine Präferenzen. Meine bisherigen Entscheidungen.

Erst so entsteht ein persönliches Gedächtnis. Daneben steht das Unternehmensgedächtnis: Wissen, Dokumente, Entscheidungen, Projekte, Prozesse und Erfahrungen. Natürlich immer mit den passenden Berechtigungen. Dazu kommt der Echtzeitzugriff auf die Systeme, in denen täglich gearbeitet wird: das CRM, ERP, Microsoft 365, E-Mail, Datenbanken und spezielle Fachanwendungen.

Erst durch diese Verknüpfung von Daten entsteht mit jeder Nutzung mehr Kontext. Das System wird für jeden einzelnen Mitarbeitenden sowie die gesamte Organisation immer wertvoller.

Ein Meeting zeigt ziemlich gut, was ich meine

Viele Unternehmen nutzen heute bereits KI-Lösungen für die Meeting-Transkription. Das Meeting wird aufgezeichnet. KI erstellt ein Transkript und ein Protokoll. Das ist praktisch. Allerdings endet der Prozess meistens an diesem Punkt. Das Protokoll ist das Ergebnis. Dabei sollte es eigentlich der Anfang sein.

Aus fast jedem Meeting entstehen Aufgaben: Ein Angebot vorbereiten, eine Analyse aktualisieren oder einen Termin koordinieren. Sollten diese Action Items nicht direkt im gemeinsamen Task-Management landen? Und warum sollte dort Schluss sein? Eine Aufgabe kann mit einem Agenten, Skill oder Workflow verbunden sein.

Die Wettbewerbsanalyse übernimmt der Research-Agent. Das Angebot wird auf Basis von CRM-Daten und Unternehmenswissen vorbereitet. Die Terminabstimmung läuft automatisiert. Was KI erledigen kann, wird erledigt. Wo eine Entscheidung notwendig ist, übernimmt ein Mensch.

Meeting → Wissen → Aufgabe → KI-Ausführung → menschliche Freigabe.

Das illustriert perfekt, was für mich der kommende Generationswechsel ist: Die erste Generation von KI generiert Ergebnisse. Die nächste Generation organisiert und erledigt Arbeit.

Und plötzlich bauen Mitarbeiter ihre Software selbst

Dazu kommt eine zweite Entwicklung. Wir werden Business-Software künftig nicht mehr nur einkaufen. Wir werden sie zunehmend selbst bauen. Vibe Coding macht es möglich, kleine Business-Anwendungen in kürzester Zeit zu erstellen.

HR braucht ein Tool zur Vorbereitung von Interviews? Bauen.

Sales braucht eine App zur Angebotsprüfung? Bauen.

Marketing möchte Briefings automatisch analysieren? Bauen.

Und danach: teilen.

Mit dem Team, der Abteilung oder mit dem gesamten Unternehmen.

So entsteht ein interner Marketplace für Apps, Agenten, Skills und Workflows. Das verändert die Rolle von Unternehmenssoftware fundamental. Mitarbeiter:innen nutzen Software nicht mehr nur, sie erschaffen sie.

Deshalb spreche ich von einem KI-Betriebssystem

„KI-Betriebssystem“ ist ein großes Wort. Aber es beschreibt ziemlich gut, was hier entsteht. Eine gemeinsame Softwareebene zwischen KI und Organisation. Im Zentrum stehen das persönliche Gedächtnis und das Unternehmensgedächtnis. Darum herum entstehen Wissen, Zusammenarbeit, Projekte, Tasks, Agenten, Apps und Workflows.

Das KI-Betriebssystem ist die zentrale Plattform. Sie verbindet sich mit den bestehenden Unternehmenssystemen und greift bei Bedarf auf aktuelle Informationen zu. Und sie bringt all die Dinge mit, die Enterprise Software schon immer gebraucht hat: Identitäten, Berechtigungen, Governance, Security, Administration und Monitoring.

Dazu kommt die Kostenkontrolle. Denn KI-Kosten entstehen nicht mehr nur pro Nutzer. Modelle, Tokens, Agenten und Workflows erzeugen variable Kosten. Unternehmen müssen wissen, wer was verbraucht, was einzelne Prozesse kosten und welchen Wert sie erzeugen.

Von AI for me zu AI for us

Die letzten Jahre haben gezeigt, was passiert, wenn wir jedem Menschen einen persönlichen KI-Assistenten geben. Doch gerade beginnt für mich die spannendere Phase. Was passiert, wenn KI unser Wissen kennt, auf unsere Systeme zugreifen kann und Menschen und Agenten gemeinsam Arbeit erledigen?

Wenn aus Meetings direkt Aufgaben entstehen? Wenn Mitarbeitende ihre eigenen Business-Apps bauen und mit Kollegen teilen? Und wenn all das innerhalb der Regeln und Strukturen eines Unternehmens funktioniert? Dann reden wir nicht mehr über einen besseren KI-Assistenten.

Wir reden über eine neue Kategorie von Unternehmenssoftware.

Die erste Generation war AI for me.

Die nächste Generation ist AI for us.

Das KI-Betriebssystem.